Tim steht vor meiner Tür, er war über ein Jahr in Amerika, seither hatte ich nichts mehr von ihm gehört. Er hatte sich mit seinem Vater zerstritten und ist dann in die USA ausgewandert. Wir waren ein Paar. Ich habe ihn, anders als sein Vater, nicht als mein Eigentum angesehen und zugelassen, dass er dem Ruf seines Herzens folgt.

Blass, schwer atmend und ganz aufgelöst steht er nun da. „Tim, was ist passiert?“ Er sucht sichtlich nach Worten. „Mein Vater… er… er ist tot.“ „Was? Wann? Komm erst mal rein.“ Beim Eintreten stammelt er „jetzt gerade, ich komme aus der Klinik. Ich bin.“ Er macht eine kurze Atempause. „Ich weiß nicht warum, aber ich bin aus der Klinik raus und einfach den Weg zu dir gelaufen. Verstehst du, er ist tot.“ Während ich ihm fassungslos, aber durchaus zügig einen Tee bereite, lässt er sich auf einen Stuhl sinken und spricht weiter, „ich bin vor einigen Wochen aus Amerika zurück gekommen, um nun doch die Firma zu übernehmen. Wir haben unseren Streit geschlichtet. Mein Vater war heilfroh, dass er jetzt doch nicht verkaufen muss. Alles war gut. Er hat begonnen mich einzuarbeiten und wir haben uns sehr gut verstanden und heute, wenige Wochen später, nach dem Mittagessen bekam er Schmerzen in der Brust, fiel einfach vom Stuhl und…“. Er schluckt. Die restlichen Wörter kommen ihm nun nicht mehr über die Lippen. „Herzinfarkt“ denke ich. Ich stelle ihm den Tee hin. Er versucht höflich, mit einem kurzen Nicken zu lächeln.

Ich nehme seine Hand. Sie ist eiskalt. Ich nehme auch die Zweite und versuche sie ihm aufzuwärmen. „Er ist im Schock“, denke ich noch kurz und erinnere mich an Dr. Hamer, „hochakut-dramatisch, auf falschem Fuß erwischt und isolativ- allein“, dann breitet sich Schweigen aus. Jeder gibt sich seinen Gedanken hin, gemeinsam still. So haben wir das auch schon früher gemacht. An unserer innigen Beziehung hat auch die lange Trennung nichts verändert. Ich weiß, dass er jetzt keine Worte braucht. Ich weiß warum er unbewusst den Weg zu mir gelaufen ist.

Trost braucht nicht immer Worte, oder gar Ablenkung. Manchmal reicht es sich wortlos verstanden zu fühlen. Nicht alleine zu sein hilft, dem Schock nicht zu erliegen. Ruhiger zu werden und mit dem Geschehenen umzugehen, auf seine ehrliche Weise. Tränen laufen ihm über das Gesicht.

Lange sitzen wir so, während wir uns hin und wieder gegenseitig die Hände drücken und streicheln. Unendlich viele Wörter stehen im Raum, obwohl keiner auch nur ein einziges Wort spricht. Ich höre die Uhr ticken und das Rauschen der Autos auf der Straße. „Er ist ein starker Mensch“, denke ich „ich weiß, dass er gut mit dem Leben umgehen kann. Er schafft das, da mache ich mir keine Sorgen. Er muss nur über diesen ersten Schock hinweg.“

Ich sehe wie er zunehmend ruhiger wird. Seine Fassung kehrt zurück, seine Hände werden wieder warm. Ein Notarzt fährt mit lautem Geheul vorne auf der Hauptstraße vorbei und reißt uns aus der Stille. Tim sieht mir dankbar in die Augen, löst eine Hand und trinkt einen Schluck von dem mittlerweile abgekühlten Tee.

Ich erinnere mich an den Fluss der Trommel und nehme achtsam meine Sonnentrommel von der Wand. Ich weiß sie wird auch sein Herz berühren. Ich streiche über sie und spiele für ihn…

Kassandra

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