Ein weiterer Tag in der Klinik, ich bin Krankenschwester, ich sollte also professionell genug sein, das Erlebte in diesem kalten Haus zu lassen und nicht mit nach Hause zu nehmen. Professionell genug! Verdammt. Sprüche fallen mir ein, „was dich nicht umbringt, macht dich nur stärker“, „das ist der Lauf der Dinge“, vielleicht sollte ich eine Freundin anrufen, denn, „geteiltes Leid ist halbes Leid“. Nein, denn es ist nicht mein Leid. Es steht mir in gewisser Weise gar nicht zu, zu leiden. Ich bin die, die dem standhalten muss. Ich habe die zu sein, die den Patienten und dessen Angehörige zu stützen hat. Ganz professionell, stark, verständnisvoll und trotzdem unberührt. Die, die nach außen warm, jedoch innerlich kalt und abgebrüht bleibt. „Mitleid“ haben heißt „mit leiden“ und das ist grundfalsch. Menschlich sein und irgendwie doch nicht, eben Mitspieler im Spiel des Lebens. Vorzugsweise professionell! Ich fange an das Wort zu hassen.

Ich spüre in mir die Wut, das Leid, meine Standhaftigkeit… längst gebrochen. Was tue ich hier eigentlich? Wie soll man den Schmerz anderer lindern? Gegen solche Schmerzen gibt es nun mal keine Medizin.

Ich nehme meine Trommel von der Wand. Eine schöne Sonnentrommel, die ich sanft berühre. Achtsam streiche ich darüber und nehme Kontakt mit ihr auf. „Wir beide haben eine besondere Verbindung, denn ich habe dich erschaffen und ich habe den ersten Ton deiner Geburt gespielt. Wie oft habe ich mich dir schon anvertraut?“, denke ich. Ich taste den Rahmen, er ist weich und warm. Das Holz leuchtet mir entgegen, während ich tief einatme. Ich nehme den Schlägel und beginne ganz sanft. Die leisen Töne breiten sich in mir und dem gesamten Raum aus. Meine Augen schließen sich von selbst. Ich trommle weiter, versetze mich noch einmal in die Situation in der Klinik. Ich spüre die Angst der Angehörigen, die Trauer, die Ratlosigkeit. Ich spüre die Unsicherheit und die Unruhe. Ich will mein Bestes geben, ich erkläre fachmännisch und trotzdem einfühlsam, ich versuche zu beruhigen, ihnen Allen das ganze Emotionschaos zu nehmen. Weiterhin trommelnd bemerke ich meine Gedanken. Was sage ich da? Ich will ihnen das ganze Emotionschaos nehmen? Und dann? Wie werde ich damit fertig? Es ist nicht mein Schmerz, nicht mein Leid und trotzdem berührt es mich in einer unbeschreiblichen Weise. Ich versuche auseinander zu dröseln, was denn nun meine Gefühle in diesem Chaos sind und welche ich übernehme. Geht das denn? Kann man Gefühle tatsächlich übernehmen? Vielleicht auf eine eigene Weise? Immer mehr Fragen kommen mir in den Sinn, während ich weiter und weiter trommle und mich der Welle hingebe. Ich habe keine Erklärung was geschieht, ich habe auch keine Antworten auf meine Fragen. Muss man denn immer alles erklären? Braucht alles seine Schublade „F“? Ich trommle immer fester, mein Atem beschleunigt sich merklich, ich spüre es hat keinen Sinn das Unerklärliche erklären zu wollen und trotzdem ist da dieser Druck, dieser Durst auf Wissen oder wenigstens auf Erbarmen und schließlich lasse ich los. Tränen laufen mir übers Gesicht und ich trommle, trommle und mein innigster Wunsch ist jegliche unangenehme Emotion, meine, seine, ihre… dem Fluss des Lebens weiterzugeben. Ohne Erklärung, ohne Unterscheidung und ohne Wissen, mir einfach irgendwie Erleichterung zu verschaffen.

Und schlagartig wird mir die Dualität klar, in der wir leben. Gute und schlechte Gefühle, deine oder meine, wissen und nichts wissen. Sie wird mir nicht klar im Sinne von Wissen, es ist ganz schwierig in Worte zu kleiden. Es ist wie wenn es mir in meinem Selbst klar wird.

Und immer noch trommle ich weiter und immer weiter, der Schall, die Welle trägt alles vor mir her. Tausend und abertausend verschiedener Emotionen, im Sein, ohne Dualität, „sie sind“ einfach nur.

Der Fluss des Lebens trägt sie und zum Fluss kehren sie zurück. Mein Atem beruhigt sich, ich sehe sie wie Lichtpunkte vor meinem geistigen Auge weiterziehen. Ein dankbares Gefühl steigt in mir auf. Wieder versucht mein Gehirn zu begreifen was da passiert. Ich schalte, wie von selbst, alle Gedanken aus und genieße diesen Anblick. Ich merke, dass ich irgendwann aufgehört habe zu trommeln und nun halte ich die Trommel fest, gerade so, als würde ich das Bild anhalten wollen, das nun langsam verblasst…

Und morgen, ich schmunzle, ja morgen da werde ich wieder ganz professionell, vielleicht anders professionell in die Klinik gehen, auf Station, auf meinen Posten und werde mich erinnern, an den Fluss der Trommel.

Kassandra

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