Heute ist noch einer dieser Tage, an dem sich alles falsch anfühlt. Morgens in der Arbeit blicke ich in stumme, lustlose Gesichter und keine Antwort folgt auf meinen Guten-Morgen-Gruß. Personalmangel heißt Prioritäten setzen und das schon seit über einer Woche. Jedem ist klar, dass an solchen Tagen keine Zeit für lange Gespräche mit den Patienten bleibt, keine Zeit für Erklärungen, keine Zeit für all die, (hm wie soll ich sagen), „die unsichtbaren, aber wichtigen Dinge eben“ bleibt. Keine Zeit für genau die Dinge, die die Menschlichkeit, Würde und Selbstbestimmung des Patienten in diesem Haus aufrecht halten. DAS was dafür sorgt, dass der Mensch ein Subjekt bleibt und nicht zum Objekt erklärt wird. Es ist die ungeschriebene Hauptaufgabe, die dem Pflegepersonal obliegt, die näher am Patient arbeitet und auch zwischen Patient und Arzt fungiert. Die Berufung, die einen Menschen überhaupt dazu bewegt, so einen Beruf auszuwählen.

Die Stationsleitung, die gnadenlos überfordert ist, hatte auch schon bessere Tage. Ich stehe mittendrin und in einem Wechselbad der Gedanken und Gefühle die immer wieder versuchen aufzuflammen. Nein, jetzt gilt es alles routiniert und fachlich kompetent abzuarbeiten. Mit großer Verantwortung und daher zwingend mit hoher Konzentration. Das eigene Wechselbad beiseite…..keine Zeit…..keine Zeit…..keeeeeiiiine Zeit!!

Die Patienten auf meiner Station sind teils in Sorge, teils mürrisch. Ich bin froh für Jeden, der regen Besuch bekommt oder erwartet. Unsere verkürzte Mittagspause in der Kantine ist heute auch keine Erholung. Es ist laut, es stinkt und das Essen ist fad. Zurück auf Station merkt man, dass sich wieder verschiedene Dinge angestaut haben und die Mittagspause eher störend als hilfreich war. Ein letzter Rundumschwung. Schnell noch Handgriffe hier, während man dort schon vorausdenkt.

Endlich Schichtende und damit Patientenübergabe an die Spätschicht.

Auf dem Weg nach Hause begleitet mich ein starker Wind (innen übrigens auch) und die Eingangstür klemmt auch mal wieder.

Ich nehme meine Trommel zur Hand, streiche über sie, begrüße sie und trommle sachte, während ich den Tag Revue passieren lasse. „So habe ich mir diesen Beruf nicht vorgestellt!!“ denke ich enttäuscht. „Ja ok. Das Leben ist kein Zuckerschlecken.“ Es rumst in meinem Kopf und ich widerspreche mir sofort selbst. „Nein, das darf nicht sein. Mal einen Tag an dem es drunter und drüber geht, das ist zu verkraften und das versteht auch jeder Patient, aber Dauerzustand? Nein, nein und nochmals nein!“
Tausend Gedanken überschlagen sich in meinem Kopf. Sie sind so laut, dass ich aufgehört habe zu trommeln, und das, ohne es zu merken. „Komm schon“, denke ich, „es ist vorbei, Schwamm drüber“.

Ich fange noch mal an. Trommle nun lauter und immer lauter, gerade so, als wolle ich die Gedanken verscheuchen. „Geht weg jetzt, morgen wird es bestimmt besser. Oder übermorgen…! Es war im letzten Monat das Gleiche und wurde ja auch besser!“ … Ein Zwiegespräch beginnt: „Oh man, hörst du dich eigentlich selbst noch denken? Versuchst du dir das jetzt irgendwie schön zu reden…. Ja man, was soll ich denn sonst tun? Den Job schmeißen und für noch mehr Personalmangel sorgen? Oder Mutter Theresa spielen und versuchen die Welt zu retten? Aufopfernd so weiter machen? Oder kalt werden und resignieren, nach dem Motto -ja egal, damit muss der Patient selbst klar kommen, ist nicht mein Bier? WAS von alle dem, hä? Sags mir, was davon?“.

Nein, so geht es nicht. Der Kopf ist zu voll. Das ist der Punkt, an dem man am liebsten über sämtliche Gedanken hinwegtrampeln möchte, die Mauer aber schon so hoch ist, dass man auf diese Art nicht mehr darüber hinweg kommt. Ich kann dem Druck nicht mehr standhalten. Tränen laufen mir über das Gesicht. Eine Mischung aus Wut und Traurigkeit. Ein kaltes ungewohntes Gefühl macht sich in mir breit.

Also lege ich die Trommel einen Moment aus der Hand und nehme stattdessen Stift und Papier.

Ich blicke auf leere Seiten. „Sollte ich einen saftigen Brief an die Pflegeleitung scheiben? Oder vielleicht gleich an die Direktion? Was würde das ändern? Zaubern sie dann etwa Pflegekräfte aus ihren Hüten?“

„Nein, ich muss bei mir anfangen. Nichts wegdrücken, genau hinsehen und die Gedanken zu Ende denken. Meine Haltung in dem ganzen Dilemma finden und aus dieser heraus agieren.“ Ich blicke zur Trommel und sehe eine kleine Ameise darüber laufen. „Ja, irgendwie schon richtig“, denke ich. „Jede Ameise hat ihre klare Aufgabe, setzt ihre Prioritäten und der gesamte Bau funktioniert.“

Ich nehme wieder meine Trommel, schließe die Augen und finde mich in Gedanken, begleitet von ihrem Ton, auf Station wieder.

Herr M. steht im Gang und will mit mir über die Visite der Ärzte sprechen. Er sagt: „Sie kamen zu fünft, unterhielten sich über mich, sprachen Fachchinesisch untereinander, ich beantwortete zwei Fragen die an mich gerichtet wurden und schon waren sie wieder weg. Schwester, wie geht es jetzt bei mir weiter?“ Währenddessen läuten drei Patientenglocken. Der Doktor bringt mir eine Patientenakte mit der Bitte, die Medikamente von Herrn S. umzustellen. Frau N. wartet auf ihre i.v. Antibiose und die gute Anna, unsere liebenswerte Vollpflegekundin, muss dringend gelagert werden. Ich habe noch nichts dokumentiert, geschweige dem ausgearbeitet, weil die Ärzte seit der Visite alle Patientenakten bei sich gebunkert haben und bald ist Übergabe. Wut und Trauer kochen erneut hoch. Ich fühle die Sackgasse!

„Okay“, denke ich, „wo ist jetzt meine Haltung und meine Priorität?“ Ich trommle weiter und verwunderlicher Weise ebben die Gefühle etwas ab. Herr M. steht immer noch vor mir und sieht mich mit fragenden Augen an. „Herr M.“ höre ich mich sagen, „kommen Sie doch mal mit.“ Er begleitet mich zum Ärztezimmer. Ich klopfe und gehe gleichzeitig hinein. Ärzteaugen blicken mir erstaunt entgegen. „Keine Zeit zum Warten“, sage ich während ich nach der Akte des Patienten grabe. „So geht das aber nicht Schwester!“ höre ich den Oberarzt tadeln. „Doch, genau so geht das und zwar so lange, bis ihr die Visite so gestaltet, dass der Patient versteht was gesprochen wird und wie es mit ihm weitergeht.“ Herr M. lässt die Kinnlade fallen und mit ihm drei der Ärzte. „Der Patient möchte umgehend über das weitere Prozedere informiert werden und wünscht Akteneinsicht die ihm zusteht“, gebe ich sachlich in den Raum. Ein Assistenzarzt schmunzelt und bietet Herrn M. mit den Worten „wo sie recht hat, hat sie recht!“, einen Stuhl an. Ich nehme die anderen Akten zur Übergabe mit und verlasse den Raum.

Heute und in Zukunft bleiben nicht mehr die „unsichtbaren Dinge“ aber gerade wichtigsten Sachen unerledigt. Die Priorität ist in erster Linie der Mensch. Der Mensch in seiner Ganzheit. Mit all seinen unsichtbaren Emotionen und Gedanken. Das ist seine Würde und die darf niemals unsichtbar sein. Heute, und zu Zeiten von Personalmangel, dürfen und müssen nun mal die sichtbaren Dinge unerledigt bleiben, nur so kann sich in Zukunft etwas ändern. Nur auf diese Weise kann die Überforderung sichtbar gemacht und die Würde aller, zuletzt auch meine, erhalten werden. Nur auf diese Weise kann ich damit umgehen. Dies ist nun mal ein ganz spezieller Beruf und das hier ist meine Haltung, als auch meine Priorität.

Kassandra

Copyright 2019 © UrbanDream