Meine Trommel war mehrere Wochen still. Nicht das ich sie nicht gebraucht hätte, aber irgendwie, ich kann es nicht genau sagen, fehlte mir der Drang, so, als wenn man hinlangen möchte und dann irgendwie spürt, fühlt, dass man nicht soll, oder vielmehr, nicht darf, man die Finger wieder einzieht, ganz von selbst. Ein merkwürdiges Gefühl, ganz sanft aber doch stark, konsequent und bestimmend.

Heute ist Zeit zum Denken.

Ich betrachte meine Trommel. Gedanken gehen mir durch den Kopf. „Wie haben wohl die alten Schamanen früher mit den Trommeln gearbeitet, all das alte Wissen, ist es verloren? Wie viel davon wird heute noch angewandt und wie viel wohl noch weitergegeben? Gibt es überhaupt noch richtige Schamanen? Was macht einen echten Schamanen aus? Wissen? Instinkt? Gefühl? Naturverbundenheit? Von allem etwas und noch viel mehr? Wurde man als Schamane geboren und/oder ausgebildet und wer bestimmt das? Hätte große Lust mehr darüber zu erfahren, aber irgendwie traue ich weder den Büchern noch den Berichten. So vieles der alten Geschichte wurde schon verfälscht, sei es durch falsche Interpretation, falsche Übersetzung oder einfach aus dem Grund, dass grundsätzlich der Sieger die Geschichten schreibt.“

„Was brauchst du?“ denke ich meiner Trommel zugewandt, „was kann ich für dich tun?“, „was bremst mich aus, warum kann ich dich nicht spielen?“. „Ich fühle mich angespannt, würde mir gerne etwas von der Seele trommeln, Kontakt aufnehmen.“

Kopfschüttelnd und ratlos gehe ich in die Küche und brühe mir eine Kanne Tee aus frischen Salbeiblättern auf.

Wieder die wunderschöne Trommel betrachtend nippe ich daran. Süß und kräftig schmeckt er, reinigend ist er, sagt man. „Reinigend, ja das kann ich brauchen und du, meine Trommelschönheit, du vielleicht auch“, scherze ich irgendwie ironisch in meinem Kopf. Ich trinke ihn immer dann, wenn ich mich ratlos und voll von wirren Fragen und merkwürdigen Energien fühle. Ich werde ernst, „vielleicht braucht meine Trommel wirklich eine Reinigung.“ Der Gedanke in mir fühlt sich plötzlich so unglaublich richtig an. Meine Haltung wird ganz aufrecht, ich atme tief.

Ich zögere nicht, wundere mich aber noch kurz warum ich eigentlich eine ganze Kanne Tee zubereitet habe, obwohl ich für mich alleine eigentlich immer nur eine Tasse aufbrühe. An diese Art „Zufälle“ müsste ich mich eigentlich schon längst gewöhnt haben, trotzdem nehme ich sie immer noch mit Faszination und Ehrfurcht wahr, sie bestätigen mich in meinem Tun.

Ohne mehr nachzudenken nehme ich eine Schale und gieße meiner Freundin Tee ein. Ein sauberes Tuch tauche ich darin ein. Nun nehme ich die still gewordene Schönheit von der Wand. Ich streiche vorsichtig darüber, ähnlich einer Mutter, die ihr krankes Kind streichelt. Ich wringe das Tuch aus, der Tee ist nur noch lauwarm und ich wasche die Trommel vorsichtig damit ab, vorsichtig fahre ich darüber, tauche ein, wringe aus und reinige die Trommel von Staub und im Bewusstsein von allen Energien, von allen Belastungen und auch von der immerwährenden Spannung, sie wird weicher, sie zieht Feuchtigkeit und die Lebensenergie des Salbeis. Mein Gefühl sagt mir wann es genug ist, zu feucht darf sie nicht werden, mein Einwirken soll eine Hilfe sein und keinen Schaden anrichten, die Gesetze der Natur sind eben unumstößlich. Diese Gradwanderung kenne ich nur zu gut aus der Klinik. Oft frage ich mich, wie weit die Hilfe von außen angebracht ist und wann man der Natur und ihren Selbstheilungskräften ihren Lauf lassen darf oder gar muss. Die Meinungen spalten sich gravierend. Die Gesellschaft teilt sich in Schulmedizin und alle nur möglichen alternativen Heilmethoden. Jeder meint Recht zu haben und jeder hat aus seiner Perspektive vermeintlich auch Recht. Es heißt, wer heilt hat Recht. Doch ganz so einfach ist es für mich nicht. Ich versuche grundsätzlich eine Perspektive einzunehmen, die so weit wie nur möglich entfernt ist, um einen möglichst breiten Blickwinkel auf ein Thema zu ergattern.

Denn, was wenn die Natur alleine heilt und es am Ende gar nicht die z.B. Kügelchen waren? Was wenn die Natur alleine heilt und nur, weil am Ende einer langen „Schulmedizinisch-und- alternativ-ausprobier-Heiler-und-Therapeuten-Marathons“, die Natur ihr Soll erfüllt hat und sie mit ihrem Heilprozess nun eben fertig ist, man aber trotzdem fest der Meinung ist, der letzte „Heiler“ (Arzt, Therapeut, Methode…) in der Marathon-reihe war nun der große „Alleskönner“?! Das würde so ziemlich alles auf den Kopf stellen, oder? Aber was, wenn eigentlich genau das passiert und die Gesellschaft genau deshalb so gespalten ist – oder wird? Was wenn keine Einheit entstehen kann, weil falsch interpretiert und „übersetzt“ wird? Da haben wir es wieder. Und der vermeintliche Sieger schreibt wieder die Geschichte.

Was wenn alles eigentlich nach einem natürlichen Programm abläuft und die Einheit einfach darin bestünde den Menschen in seiner Heilung zu unterstützen. Ich kenne viele einfühlsame alternative Therapeuten und, durch die Klinik, auch jede Menge Ärzte, aufopfernde und einfühlsame Menschen, die sich ihren Mitmenschen und der Gesundheit verschrieben haben. (Ausnahmen bestätigen die Regel). Jeder macht auf seine Weise eine sehr gute Arbeit. Was wenn jeder das täte, was er am besten kann und im Hinterkopf nicht das eigene Ego, sondern die Gesetze der Natur vorrangig wären? Einheitlich.

Ja, das Ganze hier ist wohl noch einige Gedanken mehr Wert. Aber jetzt, kümmere ich mich um meine ganz persönliche Patientin, die definitiv im Heilschlaf ist, dumpf und tief ist ihr Ton. Ich gehe mit ihr raus, raus an die Sonne an die frische Luft, sie wirkt müde, es scheint, wie die Entspannung nach allen Strapazen. Das wäre ihr auch nicht zu verdenken. „Eben wie ein Mensch in Heilung, der seinen Erholungsschlaf braucht“, denke ich noch während ich mit ihr spazieren gehe und den nun physikalischen Naturgesetzen ihren Lauf lasse.

Und morgen, morgen schreiben wir alle „neue Geschichten“. Ob wir uns dessen gewahr sind oder nicht. Geschichten, die nicht aus unserer Perspektive sind, Geschichten, die nur der wahre und letztendlich der einzige Sieger schreibt. Nein, nicht wir, keiner von uns, sondern einfach die Natur mit ALL ihren festgelegten Gesetzen. Einige sind für uns sichtbar, fühlbar, bedingt erklärbar, wenn man die Sache mit der Perspektive nicht vergisst und wenn man den Wert oder besser „Nichtwert“ einer Schlussfolgerung mal genauer unter die Lupe nimmt. Andere hingegen erscheinen uns so unfassbar, dass es schon fast beängstigend auf uns wirkt. Die meisten hingegen entziehen sich komplett unserer Wahrnehmung und auch unserer Vorstellungskraft. Vielleicht auch anders herum. Weil sie sich unserer Vorstellungskraft entziehen, entziehen sie sich auch unserer Wahrnehmung. Wie dem auch sein mag. Morgen schreiben wir im Buch des Lebens Alle zusammen neue Geschichten…

Kassandra

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